Pläne

previous arrow
next arrow
previous arrownext arrow

 

Heimat und Norm – zwei Begriffe, die für sich genommen durchaus nicht im unmittelbaren Sinnzusammenhang zu stehen scheinen. Heimat, da schwingt häufig Melancholisches mit, aber auch ein Verwurzeltsein, eine Prägung, die man zufällig erhält, die deshalb jedoch nicht weniger eindringlich ist. Deutsche Heimat assoziiert Eigenschaften wir Genauigkeit, Ordnungssinn, Pünktlichkeit. Fähigkeiten, die ziemlich gegensätzlich bewertet werden, vor allem, wenn sie in der Geschichte oft pervertiert wurden oder wenn die Norm zum Zwang wird, ein Zwang, der, wenn das Ziel der Normierung zur Schaffung des Identischen, aufgehoben ist, selbst absurd wird.
In den hier vorgestellten Arbeiten scheinen sich die Erfahrungen vergangener Jahre zu neuen Qualitäten zu verbinden. Harald Alff sammelt Versatzstücke des Alltags, vorerst aus formal ästhetischem Interesse. Seine Materialsammlung ist gleichzeitig auch Spurensicherung. Es sind Stoffe, aus denen sich durchaus plötzlich eine innere Notwendigkeit des Bewahrens ergibt, indem sie einfließen in seine Kunst, und dadurch in einem neuen konzeptionellen Zusammenhang aufgehen.
Bekanntes, scheinbar Alltägliches durch einen anderen Kontext neu sichtbar zu machen, ist aus der Kunstentwicklung im 20. Jahrhundert geläufig. Gewohntes zu durchbrechen, schafft Aufmerksamkeit, die auch gefesselt sein will. Harald Alff fand Pläne für Anlagen im alten Leipziger Schlachthof, als diese schon gar nicht mehr existierten. Die Vorform des Gegenstandes hatte das Produkt bereits überlebt als Relikt eines Prozesses.
Mit der augenscheinlichen Umkehrung der Abfolge geht das Infragestellen des Endgültigen einher.
Einst nur für Eingeweihte bestimmte Papiere waren nun so ohne Funktion, scheinbar wertlos. Kommunkationsprozesse beruhen immer auf Vereinbarungen zwischen Menschen. Sind die Partner nicht mehr da, erinnern vielleicht solche Fundstücke an einst Vorhandenes, Erlebtes, Verstandenes.
1998 reiste Harald Alff nach Japan. Dort, in einer scheinbar ganz anderen Kultur, fand er, auch in einer alten Fabrik, Pläne, ähnlich denen in Leipzig. Die Stempel, die fremden Schriftzeichen gaben ihnen einen zusätzlichen ästhetischen Reiz und steigern die Aura des Geheimnisvollen. Nicht entzifferbarer Text wird wie ein Bild wahrgenommen. Ähnlich geht es Nichteingeweihten mit der technischen Zeichen-Sprache.
Die doppelten Funde waren ein Ausgangspunkt für die Idee, mit deren Resultaten wir heute hier konfrontiert sind.
Bestandteil der Werke ist der substanzgewordene Prozess.
Er beginnt als Reproduktionstätigkeit, die ihren Anspruch nicht einlöst, weil sie Veränderung durch Umsetzung in eine andere Größe, auf ein anderes Material, Raster und Farbveränderung thematisiert.
Die originalen Dokumente wurden mit einem aus 35 Quadraten bestehenden Raster überzogen, die einerseits die genormte Regelmäßigkeit betonen, andererseits geläufige Methode der Übertragungshilfe sind. Das akribisch genaue Übertragen kann einem meditativen Tun gleichgesetzt werden. Dem Nachzeichnen mit der Hand, dem Schneiden in das Material für den Hochdruck folgte das Drucken in mehreren Farbschichten auf den Druckträger, in diesem Falle auf die Leinwand. Es scheint wie ein ständiges Spiel zwischen Tradition in der Abfolge der Arbeiten und dem konzeptionell aktuellen Anlaß, der künstlerischen Idee.
Dem deutsch-japanischen Vergleich, der letztendlich beide Kulturen als industriegeprägt ausweist und die Effizienz dieses Weges gleichzeitig infrage stellt, folgten weitere Arbeiten, ebenfalls angeregt durch Übriggebliebenes in verlassenen Werkanlagen. Indirekt greift Alff seine früheren Auseinandersetzungen mit der durch Braunkohleabbau veränderten Landschaft auf, indem er den Bildern vor allem Zeichnungen von Teilen zugrunde legt, die zu Tagebaumaschinen gehörten. Zweisprachigkeit weist neben der ökonomischen auf die politische Vergangenheit der Region. Die detailgenau bezeichneten Elemente sind formal schön mittig auf die Fläche
gesetzt und beherrschen diese majestätisch. Für den Betrachter bietet sich reiner Formengenuß und eine Ästhetik des industriell geplanten Elements, dessen Massenhaftigkeit durch die vereinzelte Vorführung und die mit malerischen Mitteln betonte Darstellungswürdigkeit aufgehoben wird. Die Größe legt zudem Assoziationen zu Architektur-Visionen nahe. Verehrung zweckgebundener Ästhetik erweist sich schnell als Sackgasse.
Naiv bemühte Normschrift unterläuft Perfektion schon auf dem einst originalem Dokument. Pfeile, als Handlungshilfe eingesetzt, werden zum formalen Spiel, rufen Zitate der Moderne ab. Den großformatigen Bildern ordnete Harald Alff eine Serie aus sechs holzgerahmten Grafiken zu. Die vor nahezu hundert Jahren thematisierten Makro-Mikrokosmos-Darstellungen scheinen hier eine zeitgemäße Fortsetzung zu finden. Nur ist es nicht mehr das Gewachsene, natürlich Gewordene, das seine Entsprechung findet, sondern es sind vom Menschen geformte Teilchen, die meist wichtige Schalterfunktionen in hochdifferenzierter Elektronik ausführten. Sie erscheinen uns wie von oben gesehene Landschaften, in zarten Aquarelltönen liebevoll nachgezeichnet. Diese Wahrnehmung wird noch gestützt durch Koordinatensysteme und Meßleisten, die das jeweilige Bild umgeben. Wenn auch die Radierung am Ende des Herstellungsprozesses stand, so gingen auch ihr Abgüsse, Vergrößerung, fotografische Zwischenschritte voraus.
Beim genaueren Einlassen auf die Bilder tritt die Landschaftsassoziation zurück, andere Details werden wichtig. So scheinbar verschwindende Buchstaben, die ihre Botschaft nicht mehr vermitteln können, nur noch eine Ahnung weitertragen.
Harald Alffs Kunst ist vielschichtig, Erinnerungen werden von Eingeweihten durch Zeichen, Normen, bekannte Spuren wachgerufen. Doch darunter gibt es die Ebene der Farbwirkungen, der künstlerischen Zitate, der biografischen und kulturellen Prägung und die fantastische Möglichkeit assoziativen Denkens durch Verknüpfungen, die er anbietet.
Julia Blume

Diesen Beitrag teilen
Menü