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Harald Alff

Aus aktuellem Anlass:
Offener Brief an den Leipziger Oberbürgermeister
Burkhard Jung


Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
im Jahr 2011 hatte ich die durchaus ehrenvolle Aufgabe,
die Gedenktafel für die Befreiung Leipzigs durch die die
2. und 69. Infanteriedivision der US-Army zu entwerfen.
Sie selbst enthüllten diese Tafel gemeinsam mit der
US-Generalkonsulin Katherine Brucker am 18. April.
Nicht nur aufgrund dieser Arbeit und einiger anderer Gedenkorte,
die ich bisher gestalten durfte, bin ich sehr an der historischen
Dimension meiner Heimatstadt interessiert.
Seit ca. zwei Jahren fahre ich fast täglich auf dem Weg ins Atelier an einem
Gebäude vorüber, von dessen geschichtlicher und medialer Bedeutung ich erst
vor kurzem erfahren habe.
Als ich an jenem 18. April von Lindenau zum Dittrichring
zur Enthüllung der Tafel fuhr, hatte ich noch keine Ahnung,
dass exakt 66 Jahre zuvor sich in jenem einstmals imposanten Eckhaus
eine von vielen Tragödien des Krieges abspielte.
Und zugleich eines der berühmtesten Fotos des 2. Weltkrieges dort entstand.
Da sich sowohl mein Atelier, als auch unsere Galerie und Werkstatt
Hoch+Partner im Lindenauer Tapetenwerk befinden,
fühle ich mich noch etwas mehr von dieser Entwicklung betroffen.
Eine Entwicklung, die nicht nur einen einzigartig dokumentierten historischen
Schauplatz, sondern auch ein für das Stadtbild des Leipziger Westens
unersetzliches Bauwerk zu vernichten droht.
Dass selbst ein Bau, welcher in unserer Stadt wie wohl kein zweiter
an die eingangs erwähnte Geschichtsepoche erinnert, in seiner Existenz
bedroht ist, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Umgang privater
Investoren mit historisch bedeutender Bausubstanz.
Nachdem sich diese Eigentümer in unsäglicher Weise als
verantwortungslos erwiesen haben, muss nun die Stadt in ureigenstem
Interesse den Rettungsschirm über dem Haus aufspannen.
Mein hauptsächliches Tätigkeitsfeld besteht in der grafischen
Darstellung von Stadtraum und Architektur (nicht zuletzt von Leipziger
Motiven), und so bleibt mir nur, mit meinem Medium, der Druckgrafik,
auf diese Situation zu reagieren. Ein Farbholzschnitt, der das Haus
in seiner gewachsenen Umgebung zeigt, ist meine hoffnungsvolle
Stellungnahme zu dieser Situation.
Diese Grafik ist für mich mehr als ein Bild, es ist gleichsam eine
Beschwörung, dieses Gebäudeensemble nicht dem Untergang preiszugeben,
sondern in allem Respekt zu bewahren.
Der Respekt vor den Geschehnissen gebietet eine weitgehende Erhaltung
aller authentischen Räume und nicht etwa eine reine Kulissenlösung,
die lediglich die äussere Hülle als Verblendung eines Neubaus missbraucht.
Geschichtliches Bewusstsein wird sich nicht in erster Linie durch Gedenktafeln
entwickeln, sondern kann nur in einem Stadtraum gedeihen, der reich an
originalhistorischer Substanz, ästhetischen Brüchen und authentischen
Geschichtsschauplätzen ist.
In diesem Sinne bitte ich Sie, sich für eine originalgetreue Erhaltung
des Gebäudes Jahnallee 61 einzusetzen.

Mit freundlichen Grüssen
Harald Alff

Capa-Haus

»Lindenau 1«
Farblinolschnitt
2012
50 cm x 70 cm Papiergrösse
31,5 cm x 59,5 cm Grafikgrösse